15.10.2012, 12:17 Uhr
Es war das erste Jahrzehnt nach dem Krieg und der Zerstörung. Die Menschen sehnten sich in den 50er Jahren nach stabiler Sicherheit, Glück und Zufriedenheit. Ein Gefühl, das auch heute wieder viele nachvollziehen können. Die Möbel von damals und die Neuinterpretationen liegen jetzt wieder voll im Trend und wir zeigen Ihnen die schönsten Exemplare.
Im Handel sieht man vor allem zierliche Polstersessel auf Metall- oder Holzbeinchen sowie Nieren- oder Dreieckstische in verschiedenen Größen und Höhen. Die Leuchten haben geschwungene Schirme oder bewegliche Leuchtenarme mit Lampenschirmen in Tütenform.
Die Formen erwecken etwas Vertrautes, Bekanntes, irgendwie Bodenständiges, auch bei denen, die die 50er selbst nicht erlebt haben. Dazu passen die aktuellen Einrichtungsfarben: Curry, Dunkelrot, Orange oder Petrol waren in den 50ern schon beliebt. Häufig werden sie in geometrischen Mustern verwendet.
"Diese nostalgische, vertraute Seite ist sehr stark Teil des Heute. Der Konsument schaut zurück in seinem Versuch, sich wohlzufühlen", erläutert Richard Lampert, Verleger und Produzent von Designmöbeln aus Stuttgart. "Avantgarde ist out. Der Klassik-Look im Neuen ist gefragt." Der Mailänder Designer Rodolfo Dordoni nennt den Grund für die Suche nach dem Heimeligem: >>
"Die Welt ist etwas durcheinander in diesem Moment. Noch immer ist die Krise nicht überwunden." Auch er bedient sich den Elementen der 50er-Jahre: Sein zierlicher Stuhl Flavin für die Minotti-Kollektion hat schräg gestellte Holzbeine, sanft gerundete Formen, und der Bezug ist schlicht.
Bauhaus versus organische Modernität
In den 50er Jahren dominierten vor allem zwei Stilrichtungen: Zum einen der von Dieter Rams perfektionierte, in der Bauhaus-Tradition stehende Neofunktionalismus. Dieser inszenierte vor allem Elektrogeräte als Einrichtungsgegenstände und machte Systemmöbel populär.
Zum anderen war ein organischer Modernismus beliebt, der auf den Traditionen des minimalistischen skandinavischen Designs beruht.
Als dessen bekannteste Vertreter gelten der Finne Alvar Aalto, der Däne Arne Jacobsen sowie die Amerikaner Ray und Charles Eames. >>
Es gibt Möbel, die seit ihrer Premiere ununterbrochen in Produktion sind. Beispiele sind Arne Jacobsens Stuhl "Ameise" oder die Modelle seiner "7er Serie" sowie der "CH24 Wishbone Stuhl" von Hans J. Wegner und der "Lounge Chair" des Ehepaars Eames. Viele der Klassiker wurden der Zeit nach und nach etwas angepasst.
Alter Zeitgeist neu interpretiert
"Der Zeitgeist und die konkrete Nachfrage nach Möbeln sind sehr stark dadurch geprägt, dass alte Entwürfe in unterschiedlicher Weise neu interpretiert werden", erläutert Richard Lampert. "Neue Entwürfe drücken dem alten Produkt den Stempel 'Heute' auf, aber der Urentwurf ist klar wiederzuerkennen." In seinem Auftrag wurde ein anderes Original verändert: Der "Lounge Chair" von Herbert Hirche von 1953 ging im Jahr 2000 neu in Serie - im Angebot mit unterschiedlichen Stoffen oder einem Kuhfellbezug.
2006 veränderte der Designer Eric Degenhardt ihn weiter: Er platzierte auf Sitz- und Rückenfläche Nähte. Diese sollen dem Möbel Extravaganz verleihen.
Zu viele Veränderungen dürften es bei den Klassikern aber nicht sein. "In spielerischer Weise und so, dass der Originalentwurf nicht beschädigt und seiner Würde beraubt, sondern ein Möbel unserer Zeit wird", beschreibt Lampert die Vorgehensweise.
Unerkannter Designschatz
Andere Entwürfe sind über das bloße Entwurfstadium damals nicht hinausgekommen und gehen erst jetzt in Produktion. Etwa der Sessel "H 57" von Herbert Hirche. Anlässlich des 100. Geburtstags des Architekten und Designers sah sich Lampert 2010 in dessen ehemaligem Wohnhaus in Stuttgart um, wo Hirches Tochter lebte. Ein Prototyp eines Sessels für die Ausstellung "Interbau 1956" in Berlin stand dort. Lampert legte den Stuhl auf. Es gibt ihn ebenfalls in mehreren Varianten: Im grünen Originalbezug aus Velours sowie in den Farben Anthrazit und Dunkelbraun, und mit Leder. >>
An die eher verspielten Formen der 50er Jahre knüpft der italienische Designer Mario Ferrarini mit seinem Neuentwurf "Kalè" für Living Divani an. Dieses Möbel eignet sich als Beistelltisch oder mit einem bunten Kissen als Hocker. Neben seiner sanft geschwungenen Form greift der Entwurf etwas auf, was auch damals die Designer gerne nutzten, um ihre Gestaltungsmöglichkeiten zu erweitern: Neue Materialien. Ferrarini wählte Cristalplant, ein Verbundwerkstoff aus Mineralien sowie Polyester- und Acrylpolymeren. Es lässt sich beliebig formen, ist robust und fühlt sich samtig an.
Dialog zwischen Objekt und Benutzer
"Für mich geht es nicht nur um das Produkt oder seine Funktion", erläutert Mario Ferrarini seinen Entwurf. "Es soll ein Dialog zwischen dem Objekt und seinem Benutzer entstehen.
Die runden, bauchigen und irgendwie optimistischen Formen waren typisch für das Design des Jahrzehnts, in dem die Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit groß war. Und nach einem harmonischen Lebensdesign. Nicht umsonst gilt gerade der Nierentisch bis heute als Inbegriff des Wohnens in den 50ern: Er hatte den richtigen Schwung.
Sehen Sie sich die schwungvollen Möbel den 1950er in unserer Foto-Show an.
Quelle: dpa
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