13.12.2011, 14:55 Uhr | Clemens Niedenthal/Raufeld
Vor vierzig Jahren präsentierte Ferruccio Lamborghini den Countach – und erfand das Genre der Supersportwagen. Ferrari 250 GTO, Jaguar E-Type, Porsche 911 - fließende Formen waren das prägende äußerliche Kennzeichen des Sportwagendesigns. Bis ins Jahr 1971 zumindest. Damals nämlich schob sich ein Keil zwischen all die klassischen Kurven des beschleunigten Fahrens. Der Lamborghini Countach war vorgefahren.
Und dieser ultraflache, gerade einmal 1,07 Meter hohe Supersportwagen aus der norditalienischen Traktorenfabrik war eine ziemlich steile These. Und eine Kampfansage. An Ferrari vor allem. Und auch an den guten Geschmack.
Ein Auto wie ein Schrei
Anders gesagt: Vom Aston Martin DB 5, "dem aus 'Goldfinger'", bis zum Porsche 911 gab es immer wieder Sportwagen, die in ihrem vollkommenen Stilbewusstsein auch eine gewisse Zurückhaltung zelebrierten. Der Countach war das genaue Gegenteil. Ein Auto wie ein Schrei - auch wenn dem in den letzten Modelljahren bis zu 748 PS starken Zwölfzylinder gar nicht aufs Gaspedal getreten worden war.
Meinen ersten Countach sah ich im Sommer 1984 in den Schweizer Alpen. >>
Ich wanderte mit meiner Familie in der Bergwelt des Julierpasses und erinnere mich, wie die Fahrertür lasziv nach oben klappte und eine sehr große, verspiegelte Sonnenbrille nach dem Weg fragte. "Geht's hier nach St. Moritz?" Der Lamborghini schwieg für wenige Sekunden. Für mich, der ich im VW Passat groß geworden war, wirkte er wie eine Skulptur aus einer fremden Welt. Ein Sience-Fiction-Auto.
Was folgte, war ein Grollen, das man ein halbes Jahr später in der gleichen alpinen Umgebung vermutlich für eine Lawine gehalten hätte. Ganz in diesem Sinne übrigens bedeutet "Countach" so viel wie "Donnerwetter", wobei der Name einem piemontesischen Dialekt entnommen ist.
Monolithischer Designklassiker
Im Rückblickspiegel der Automobilgeschichte ist der von Bertone-Mitarbeiter Marcello Gandini gezeichnete Lamborghini Countach ein monolithischer Designklassiker. >>
Er ist das Bindeglied zwischen den Sportwagenikonen der 1950er- und 1960er-Jahre mit ihren Holz-Lenkrädern und Speichenrädern einerseits und den Kohlefaser-Racern des 21. Jahrhunderts andererseits.
Supersportwagen wie der McLaren F1 oder der Koenigsegg CC jedenfalls - ob man sie nun mag oder nicht - wären ohne den Countach undenkbar. Er definierte das künftige Layout ultimativer Fahrmaschinen. Eine Ästhetik, die die inzwischen zum Volkswagen-Konzern gehörende Marke mit dem in diesem Frühjahr auf dem Genfer Salon vorgestellten Lamborghini Aventador auf die Spitze treibt. Aber selbst dieses so offensichtlich vom Kampfjet inspirierte Gefährt duckt sich nicht ganz so flach auf die Straße wie sein Urahn es tat.
Kraft und Krise
Bis ins Jahr 1990 wurde der Countach in Sant’Agata bei Bologna gebaut. Wobei der Konkurs der Sportwagen-Manufaktur die Einführung des epochalen Autos zunächst bis 1974 verzögert hatte. Ferruccio Lamborghini - eigentlich sollte der Countach seinen finalen Triumph über Enzo Ferrari, den Erzrivalen aus Maranello, markieren - widmete sich da bereits dem Weinbau. Seine Marke wechselte im Folgenden mehrfach die Besitzer, gehörte zwischenzeitlich zu Chrysler und ist seit 1998 eben Teil des Volkswagen-Konzerns.
Konstruktiv übrigens war der Countach aus heutiger Sicht recht simpel gestrickt. Fundament war eine Rohrrahmenkonstruktion - ähnlich dem Monocoque eines Formel-Rennwagens - auf die die Stahlpaneele der Karosserie aufgeschweißt waren. Trotz des zunächst vier Liter großen und dementsprechend schweren Zwölfzylinders wog der Sportwagen dabei nur gut 1.400 Kilogramm. Das Fahr- und vor allem Kurvenverhalten sollte zudem sogar den für seine exzellente Straßenlage gerühmten Vorgänger Lamborghini Miura übertreffen. >>
Der Countach, dieser kühne Keil aus der Traktorenfabrik, hatte also auch die entsprechenden inneren Werte. Und doch war es sein unerhörtes Kleid, das ihn unsterblich machen sollte.
Impressionen vom Lamborghini Countach bekommen Sie in unserer Foto-Show.
Quelle: Clemens Niedenthal/Raufeld, Raufeld
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