17.02.2012, 16:29 Uhr | Christian Sauer
Er ist breit, schnell und unvernünftig. Der extrovertierte 555-PS-Allrad-Bolide polarisiert mit seinem Design und fasziniert mit der Leistung eines Sportwagens. Der BMW X6 M und sein technisch eng verwandter Bruder X5 M sind wahre SUVs. Seine Rennsportgene hat der kleine Bruder weitervererbt. In unserer Foto-Show können Sie sich den Boliden ansehen.
Als Sport-Utility-Vehicles besitzen die beiden Brüder hoch entwickelte Allradsysteme, werden aber nie richtig Offroad fahren (können), denn die geringe Bodenfreiheit reicht nicht für grobes Gelände und die Straßenreifen sind eher für hohe Geschwindigkeiten ausgelegt.
Aber im leichten Gelände, auf Waldwegen und selbst im Schnee bereiten die superstarken X-Modelle extrem viel Fahrfreude.
Machomobil mit Überholprestige
Wir testeten den X6 M, dessen Cross-Over-Design seit der Vorstellung 2009 umstritten ist und wohl für immer bleiben wird: Die stark abfallende Dachlinie macht ihn zum hochbeinigen Allradcoupé mit vier Türen.
Mit 1,98 Meter Breite sollten schmale Straßen und die linke Spur von Autobahnbaustellen lieber gemieden werden. >>
Die Front ist durch große Kühleröffnungen geprägt, ausgestellte Radkästen machen Platz für die 20 Zöller und am Heck bildet der Diffusor mit den vier Auspuffrohren ein ansehnliches Ensemble.
Extrem wuchtig und bullig lässt er andere Verkehrsteilnehmer zu Statisten verkommen. So macht der X6 M optisch mächtig Eindruck und sichert das für viele Käufer sicherlich sehr wichtige Überholprestige.
Dr. Jekyll & Mr. Hyde
Auf der Autobahn ist der X6 M dann auch ganz in seinem Element. Mit enormen Kraftreserven ausgestattet, zieht er souverän mit wenig Drehzahl und geringem Geräuschniveau seine Bahnen. Dabei qualifiziert ihn die straffe aber noch ausreichend komfortable Federung zum luxuriösen Langstreckengleiter.
Doch BMW-Modelle, die das "M" am Heck tragen, sollen und wollen mehr sein als "nur" das. Ähnlich wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde ruhen in ihm zwei Seelen. >>
Mit einem Druck auf den so genannten "M-Knopf" am dicken Lenkrad wird sein Sportlerherz zum Leben erweckt. Je nach Programmierung senkt sich nun die Karosserie um bis zu 10 mm ab, die Dämpfer verhärten sich und das Stabilisationsprogramm DSC greift später oder gar nicht ein.
Die exzellent arbeitende 6-Gang Automatik schaltet dann noch schneller und wer dennoch selbst Hand anlegen möchte, kann dies jederzeit mit den am Lenkrad positionierten Schaltpaddels tun.
Fabelzeit auf der Nordschleife
Erst im M-Modus versammeln sich auch erst alle der insgesamt 555 Pferdchen und warten auf den Befehl des Fahrers bzw. seines rechten Fußes. Wer jetzt noch die Launch-Control aktiviert und das Gaspedal voll durchtritt, erlebt eine Beschleunigungsshow wie in einem Sportwagen.
In 4,7 Sekunden katapultiert der 4,4 Liter große Achtzylindermotor den 2,4 Tonnen schweren Koloss auf 100 km/h. Tempo 200 ist nach knapp 16 Sekunden erreicht und bei 250 km/h wird er elektronisch eingebremst. Mit dem optionalen M Driver’s Package läuft er sogar 275 km/h.
Wahrscheinlich würde der X6 M auch Tempo 300 schaffen – das Fahrwerk mit Komponenten aus dem Rennsport und standfesten Hochleistungsbremsen würde es locker verkraften. Das haben ausgiebige Tests auf der Nürburgring Nordschleife bewiesen, als er Rundenzeiten von knapp 8:30 Minuten in den Asphalt gebrannt hat. Als Ergebnis der peniblen Abstimmungsarbeit fühlt sich der große Bayer deutlich handlicher an, als es die nackten Zahlen vermuten lassen. Der dynamisch ausgelegte Vierradantrieb mit variabler Kraftverteilung drückt den X6 M regelrecht in Kurven hinein.
Der Vater des neuen M5
Die Entscheidung der M GmbH, erstmals auf Allradantrieb zu setzen, hat sich ausgezahlt: Selbst bei nasser oder verschneiter Fahrbahn bringt der X6 M seine immense Kraft ohne Schlupf auf die Straße. >>
Mit aufwendiger Twin-Turbotechnik kennt er kein Turboloch, dreht willig bis 6.000 Touren hoch, begeistert mit einem brachialen Drehmoment von 680 NM ab 1.500 Umdrehungen und allerfeinstem V8-Sound.
Kein Wunder, dass dieses Sahnestück von Motor auch im neuen M5 verbaut wird und den durstigen Zehnzylinder abgelöst hat.
Allerdings sollten die BMW-Ingenieure ebenso beim Turbo-Triebwerk unbedingt nochmal an den ungezügelten Trinkmanieren arbeiten. Bei unserem Test haben wir es nie unter 20 Liter Durchschnittsverbrauch geschafft und bei sportlicher Fahrweise sind es fast 30 Liter geworden! Wir hatten das Gefühl, dass bei jedem stärkerem Tritt aufs Gas der Zeiger der Tankanzeige direkt ein Stück nach links wanderte. Das belastet nicht nur die Ökobilanz, sondern auch das Bankkonto, das bei Fahrern und Interessenten eines X6 M gut gefüllt sein sollte.
Unvernunft fasziniert
Immerhin sind bereits im Grundpreis von 112.900 Euro beispielsweise das Head-Up Display, Sitze und Armaturenbrett mit Lederbezug serienmäßig. Leider kann von Vollausstattung aber dennoch nicht die Rede sein: Unser Testwagen mit noch feinerem Leder, großem Navi und der bei der schlechten Sicht nach hinten empfehlenswerten Rückfahrkamera kostet rund 120.000 Euro. Damit ist der X6 M eines der teuersten BMW-Modelle und ein unvernünftiges Luxusspielzeug für Superreiche vor allem in den USA und im Nahen Osten. Hierzulande bleibt der X6 M eher ein Nischenmodell, der ab Sommer mit dem M50d eine vernünftigere Alternative an die Seite gestellt bekommt.
Doch so gut der sportliche Diesel auch sein mag, wird er wohl nie an die Faszination des unvernünftigen V8-Boliden heran kommen.
Sehen sich den sportlichen BMW in unserer Foto-Show an.
Quelle: Christian Sauer, wanted.de
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